Der Kick mit dem Hochhaus

March 28, 2006

Noch vor wenigen Monaten waren die Außenwerber in etwa so optimistisch wie alle selbsternannten Bundestrainer der Republik. Während die den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft zum Minimalziel erklärten, lautete für die anderen die Parole: ausgebuchter Flächenbestand in den großen Städten; was allerdings ein Novum wäre in der ansonsten eher schwach nachgefragten Sommerzeit.

Inzwischen ist die anfängliche Euphorie einer realistischeren Betrachtungsweise gewichen, nicht nur bei den Anhängern der Fußball-Nationalelf. In WM-Städten seien immer noch Flächen zu haben, heißt es beispielsweise bei der awk in Koblenz, einem der großen Anbieter im Lande. Und das zu "ganz normalen" Preisen.

Ein Seitenhieb auf den Marktführer, die Ströer AG, die lange im Vorfeld Pakete geschnürt hatte, in denen allerdings auch Flächen aller Städte mit über 200000 Einwohnern auftauchten - und das zu teils erheblichen Aufpreisen. Man sei ziemlich gut gebucht, sagt eine Ströer-Sprecherin. Es sei aber noch was zu haben.

Das hatte man sich sicher anders vorgestellt. Trotzdem will niemand glauben, dass im Juni viele Flächen leer stehen. "Es wird in der Außenwerbung eine Sonderkonjunktur geben", versichert Martin Kitzing von der 3M Deutschland GmbH.

Kitzing erwartet wie viele seiner Kollegen, dass im März plötzlich die Nachfrage steigt. Wenn Werbungtreibende feststellen, dass es nicht mehr so einfach ist, mit ihrer Botschaft überhaupt noch unters fußballbegeisterte Volk zu geraten, und nach Alternativen fahnden.

3M, Normalverbrauchern eher durch seine gelben Post-its bekannt, hat sich auf diesen Augenblick lange vorbereitet. In den vergangenen Monaten wurde in Neuss ein Kompetenzzentrum Außenwerbung aufgebaut. Zwölf Mitarbeiter wollen sich als Ansprechpartner rund um das sportliche Größtereignis empfehlen, wenn es um Werbung im Außenbereich geht. Hintergrund: Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren mit seinen Folien zahlreiche, teils recht spektakuläre Auftritte realisiert, damit reichlich Erfahrung gesammelt und ein Netz an Kontakten zu Plakatpächtern, Spezialmittlern, Agenturen und Werbungtreibenden geknüpft. Jetzt, so Kitzing, wandle man sich vom Folienlieferanten zum Komplettanbieter.

Natürlich betrifft dies in erster Linie Sonderformate. Denn bislang ist 3M bei den Agenturen vor allem wegen seiner Floorgraphics, Verkehrsmittelwerbung, reflektierenden Folien, aber auch der Fassadenwerbung an ganzen Hochhauskomplexen bekannt (siehe Foto). Jetzt will Kitzing zeigen, dass man mehr kann als Flugzeuge und Straßenbahnen zu bekleben, auch wenn dies schon schwierig genug sei. Das Kompetenz-Center soll nach ungewöhnlichen, aber realisierbaren Out-of-Home-Auftritten suchen, wenn sonst längst nichts mehr geht, und dabei gleich alle juristischen Dinge regeln - von den FIFA- bis zu den TÜV-Paragrafen.

Der Wandel vom Hersteller zum Fullservice-Anbieter in Sachen Außenwerbung soll auch nach der WM konsequent fortgesetzt werden. Derzeit ist Kitzings Team gerade dabei, sich einen Überblick über den klassischen Flächenbestand zu verschaffen. Motto: Auch wer klassische Outdoor-Formate bucht, muss nicht noch woanders verhandeln. Dass er damit eine Konkurrenz zu bestehenden Außenwerbeunternehmen aufbaut, sieht Kitzing nicht. "Hauptsache, es landet nicht alles bei den klassischen Printanzeigen."